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Reportage · Nachfolge & M&A

Viessmann und Carrier: Wie eine Familie ihr Kerngeschäft verkauft und trotzdem am Tisch bleibt

12 Milliarden Euro, 80 Prozent in bar, 20 Prozent in Aktien, ein Sitz im Verwaltungsrat für zehn Jahre: Die Übergabe von Viessmann Climate Solutions an Carrier ist der größte Verkauf eines deutschen Familienunternehmens der letzten Jahre. Was in den Verträgen steht und was die Familie seither mit dem Geld macht.

Redaktion Mittelstandsreporter7 Min. Lesezeit

Viessmann und Carrier: Wie eine Familie ihr Kerngeschäft verkauft und trotzdem am Tisch bleibt
Symbolbild: Mittelstandsreporter (KI-generiert)

Am 9. Januar 2024 geht bei der US-Börsenaufsicht SEC ein Formular ein, das den Abschluss der Übergabe eines deutschen Familienunternehmens dokumentiert: Schedule 13D, eingereicht von der Viessmann Group. Darin steht, dass die Familie aus Allendorf an der Eder seit dem 2. Januar 58.608.959 Aktien des US-Konzerns Carrier Global hält, 6,53 Prozent, und dass sie dafür ihr gesamtes Heizungs- und Klimageschäft mit rund 12.000 Beschäftigten abgegeben hat, dazu rund 10,2 Milliarden Euro in bar. Angehängt ist ein Investor Rights Agreement, das für zehn Jahre regelt, was die Familie im neuen Konzern darf und was nicht. Wer wissen will, wie ein Verkauf dieser Größe strukturiert wird, findet die Antwort nicht in den Pressemitteilungen, sondern in diesem Anhang.

Ein Jahrhundert Heizkessel, ein Jahrzehnt Wärmepumpe

Johann Viessmann gründete das Unternehmen 1917 als Schlosserei in Hof an der Saale, der Umzug nach Allendorf folgte 1937. Drei Generationen bauten daraus einen Hersteller von Heizkesseln, Martin Viessmann führte das Unternehmen ab 1992 und übergab die operative Führung im Juli 2017 an seinen Sohn Max, damals 28 Jahre alt, der zuvor eine Digitalsparte im Konzern aufgebaut hatte. Der Vater wechselte in den Verwaltungsratsvorsitz. 2022, im letzten vollen Jahr vor dem Verkauf, setzte die Gruppe 4,0 Milliarden Euro um, 19 Prozent mehr als im Vorjahr, mit 14.500 Beschäftigten.

Der Zuwachs kam aus der Wärmepumpe. In den Jahren des Gebäudeenergiegesetzes wurde aus dem Heizkesselhersteller ein Anbieter, dessen Produkte politisch gewollt waren, und zugleich einer, dem das Kapital fehlte, um mit den asiatischen Klimakonzernen bei Stückzahlen mitzuhalten. Das Handelsblatt berichtete im April 2023, die Familie habe vor dem Verkauf mehr als 100 Berater beschäftigt und Alternativen geprüft: einen Börsengang, den Kauf von Stiebel Eltron oder von Fujitsu General. Am Ende entschied sie sich für den Verkauf an einen Konzern, der ihr etwas anbot, was ein Börsengang nicht bietet: eine Beteiligung am Käufer.

Die Bausteine des Vertrags

Angekündigt wurde die Transaktion am 25. April 2023. Carrier bewertete Viessmann Climate Solutions mit 12 Milliarden Euro, das entsprach nach Angaben des Käufers dem 13-fachen des für 2023 erwarteten EBITDA von rund 700 Millionen Euro, Synergien eingerechnet. Die Gegenleistung wurde zu 80 Prozent in bar und zu 20 Prozent in Carrier-Aktien gezahlt. In der Quartalsbilanz von Carrier zum 30. Juni 2024 stehen umgerechnet 14,2 Milliarden Dollar als Kaufpreis.

Der zweite Baustein ist die Freigabe. Das Bundeswirtschaftsministerium erteilte am 23. Juni 2023 die außenwirtschaftsrechtliche Unbedenklichkeitsbescheinigung, nachdem Minister Robert Habeck laut Deutscher Handwerks Zeitung erklärt hatte, er wolle sicherstellen, dass die Investition dem Standort Deutschland zugutekomme. Laut energate messenger enthielt die Vereinbarung einen dreijährigen Kündigungsschutz für die deutschen Beschäftigten, eine Standortgarantie für Produktion und Entwicklung und die Zusage, Allendorf für mindestens zehn Jahre als Hauptsitz der Sparte zu halten. In den Carrier-Dokumenten bei der SEC finden sich diese Zusagen nicht; sie sind in Deutschland gemacht worden. Die EU-Kommission gab den Zusammenschluss am 18. Dezember 2023 als letzte Behörde frei, der Vollzug folgte am 2. Januar 2024.

Der dritte Baustein ist das Investor Rights Agreement. Es gibt der Familie das Recht, für zehn Jahre einen Kandidaten für den Verwaltungsrat von Carrier zu nominieren, solange sie mindestens 29.304.480 Aktien hält, die Hälfte des ursprünglichen Pakets. Max Viessmann sitzt seit dem Vollzug in diesem Gremium. Im Gegenzug verpflichtete sich die Familie zu einem Stillhalteabkommen: kein Aufstocken über 13,5 Prozent, keine feindlichen Schritte, eine Haltefrist für die Aktien, deren Dauer im Dokument nicht beziffert wird. Der Vertrag ist damit das, was in einem Nachfolgeprozess sonst der Gesellschaftervertrag ist: Er regelt, was die Familie nach der Übergabe noch entscheiden darf.

"Auf Basis unserer 106-jährigen Geschichte als Familienunternehmen gehen wir nun die nächsten Schritte, um unseren positiven Beitrag für die nächsten 106 Jahre zu maximieren." (Martin Viessmann, Verwaltungsratsvorsitzender der Viessmann Group, zitiert nach tab.de, 9. Januar 2024)

Das Aktienpaket schrumpft, das Recht bleibt

Was mit den 6,53 Prozent geschieht, lässt sich in den Nachträgen zum Schedule 13D verfolgen. 2024 übertrug die Familie die Aktien lediglich auf eine eigene Holding. Am 5. Juni 2025 verkaufte sie 4.267.425 Aktien in einem Blocktrade und weitere 4.267.425 Aktien direkt an Carrier im Rahmen eines Rückkaufs, jeweils zu 70,30 Dollar, zusammen rund 600 Millionen Dollar. Der Anteil sank auf 5,84 Prozent. Am 20. Mai 2026 folgte ein zweiter Verkauf: 12.094.823 Aktien zu 62,01 Dollar an JPMorgan, rund 750 Millionen Dollar, ein Abschlag von 2,48 Prozent auf den Börsenkurs. Seither hält die Familie 37.979.286 Aktien oder 4,57 Prozent, noch rund 8,7 Millionen Stück über der Schwelle, unter der das Nominierungsrecht verfällt.

Die Familie hat also rund 1,35 Milliarden Dollar aus dem Aktienpaket gelöst, und zwar zu Kursen, die beim zweiten Verkauf unter dem ersten lagen. Wofür das Geld verwendet wurde, ist nicht im Einzelnen belegt. Timo Tauber, der für Beteiligungen zuständige Manager, sagte der M&A Review im Februar 2025, der Großteil des Verkaufserlöses solle in unternehmerische Beteiligungen fließen, in einer Struktur ohne festes Enddatum.

Von Allendorf nach Battenberg: die neue Holding

Aus dem Heizungsbauer ist eine Beteiligungsgesellschaft geworden. Die Viessmann Generations Group mit Sitz im benachbarten Battenberg gliedert sich in drei Bereiche: Viessmann Industries für Mehrheitsbeteiligungen, Viessmann Capital für Minderheiten und Fonds sowie Generational Investments. Die Liste der Zukäufe seit dem Verkauf liest sich wie ein Katalog der Gebäude- und Energietechnik: der Einstieg beim Solarparkbetreiber Encavis gemeinsam mit KKR im März 2024, Beteiligungen am Desinfektionshersteller Schülke und am Fluidtechnikhändler Landefeld im Juni 2024, die Übernahme des US-Kühlraumbauers KPS Global im September 2024, der Modulbauer GRITEC mit 1.300 Beschäftigten im Oktober 2024, der Fernwärmerohrhersteller ISOPLUS mit 1.600 Beschäftigten im November 2024, dazu Software (AMCS mit EQT, PharOS mit Armira). Im November 2025 holte die Gruppe mit Rolf Wetzel einen eigenen Finanzvorstand, im Februar 2026 zog ein EQT-Manager in den Verwaltungsrat ein. Im August 2026 berichteten mehrere Medien über eine Beteiligung von fünf Prozent an der FC Bayern München AG für rund 250 Millionen Euro; eine Bestätigung des Unternehmens lag bis Ende August nicht vor.

Wie viele Menschen für die Gruppe insgesamt arbeiten und welchen Umsatz die Beteiligungen zusammen erzielen, veröffentlicht Viessmann nicht. Für die verkaufte Sparte gibt es dagegen eine Zahl aus dem ersten Jahr unter Carrier: Im ersten Quartal 2024 ging der Umsatz um rund zehn Prozent zurück, der damalige Spartenchef Thomas Heim führte das auf die Verunsicherung der Kunden zurück.

Was das für Unternehmer heißt

Der Fall Viessmann zeigt, dass ein Verkauf und eine Nachfolge nicht dasselbe sind, aber dieselben Fragen stellen: Wer entscheidet danach, wie lange, und mit welchem Vetorecht. Wer sein Unternehmen an einen börsennotierten Käufer abgibt, sollte über die Aktienkomponente verhandeln, weil sie den Zugang zum Board öffnet und die Familie an der weiteren Entwicklung beteiligt. Die Rechte an dieses Paket zu koppeln, wie hier an eine Mindestzahl von Aktien, zwingt die Familie, den Ausstieg über Jahre zu planen statt in einem Schritt. Standort- und Beschäftigungsgarantien gehören in Deutschland verhandelt und dokumentiert, nicht nur in Pressemitteilungen erwähnt. Und wer den Erlös in eine Holding steckt, braucht schneller als gedacht Strukturen eines Konzerns, mit Finanzvorstand und externem Verwaltungsrat.

Quellen

  • Carrier Global Corporation: Pressemitteilungen vom 25. April 2023 (Ankündigung), 18. Dezember 2023 (EU-Freigabe) und 2. Januar 2024 (Vollzug); Form 8-K vom 25. April 2023; Form 10-Q zum 30. Juni 2024 (Tier 1).
  • SEC: Schedule 13D der Viessmann Group vom 9. Januar 2024 mit Investor Rights Agreement; Nachträge 13D/A vom 22. März, 13. und 29. November 2024, 5. Juni 2025 und 20. Mai 2026 (Tier 1).
  • Carrier Global: Board of Directors, Biografie Max Viessmann (Tier 1).
  • Viessmann Group: Mitteilung zum Vollzug, 2. Januar 2024; News-Übersicht und Portfolio der Generations Group, abgerufen am 7. September 2026 (Tier 2).
  • Handelsblatt: "Familie Viessmann erhält rund sieben Prozent der Aktien an Carrier Global", 28. April 2023 (Tier 3).
  • energate messenger: "Wirtschaftsministerium erlaubt Viessmann-Deal", 23. Juni 2023 (Tier 3).
  • Deutsche Handwerks Zeitung: "Habeck will Verkauf der Viessmann-Klimasparte genau prüfen", 26. April 2023 (Tier 3).
  • Davis Polk: Transaktionsmeldungen zu den Carrier-Platzierungen vom 9. Juni 2025 und 21. Mai 2026 (Tier 3).
  • M&A Review: Interview mit Timo Tauber, 26. Februar 2025 (Tier 3).
  • Börsen-Zeitung: "EQT-Manager Brennecke rückt in Verwaltungsrat bei Viessmann ein", 26. Februar 2026 (Tier 3).
  • tab.de: "Verkauf der Klimatechniksparte von Viessmann an Carrier vollzogen", 9. Januar 2024 (Tier 4).
  • cci Dialog: "Ein Jahr nach Viessmann-Verkauf an Carrier", 13. Mai 2024 (Tier 4).
  • tga-fachplaner: Viessmann-Bilanz 2022, 2023 (Tier 4).
  • wlz-online / Manager Magazin: Berichte über die FC-Bayern-Beteiligung, 14. August 2026 (Tier 4, unbestätigt).