Trumpf nach der Krise: Wie der Laserbauer aus Ditzingen zwei Jahre Abschwung verarbeitet
Zwei Jahre Umsatzrückgang, tausend Stellen weniger, ein verschobenes Kundencenter: Wie die Familie Leibinger den Maschinenbauer Trumpf durch den Abschwung geführt hat und warum die USA jetzt der wichtigste Markt sind.
Redaktion Mittelstandsreporter7 Min. Lesezeit

Am 20. Mai 2025 steht der Gouverneur von Connecticut, Ned Lamont, in einer neuen Fabrikhalle in Farmington und eröffnet mit dem Management von Trumpf eine Smart Factory: 40 Millionen Dollar Investition, rund 5.200 Quadratmeter Fläche, ab Sommer 2026 eine eigene Linie für Abkantpressen. Fünf Wochen zuvor hatte dasselbe Unternehmen am Stammsitz in Ditzingen angekündigt, rund 1.000 Stellen abzubauen, davon etwa 430 der 6.200 Arbeitsplätze in der Region Stuttgart. Beides gehört zum selben Geschäftsjahr. Wer verstehen will, wie ein Familienunternehmen mit 4,3 Milliarden Euro Umsatz zwei Jahre Abschwung verarbeitet, muss beide Bilder nebeneinander halten.
Ein Kaufmann, ein Patensohn, drei Geschwister
Trumpf beginnt 1923 als Handelsgeschäft. Der Kaufmann Christian Trumpf übernimmt in Stuttgart die mechanische Werkstätte Julius Geiger, gebaut werden biegsame Wellen für Zahnärzte und Werkstätten, 1934 folgt die erste motorbetriebene Handschere für Blech. Der Weg zum Maschinenbauer führt über einen Mann, der nicht zur Familie Trumpf gehört: Berthold Leibinger, Patensohn des Gründers, Maschinenbauingenieur, ab 1966 technischer Geschäftsführer. 1972 übernehmen Leibinger und der kaufmännische Geschäftsführer Hugo Schwarz alle Anteile, im selben Jahr zieht das Unternehmen nach Ditzingen vor die Tore Stuttgarts. 1985 baut Trumpf seinen ersten eigenen CO2-Laser, ein Schritt, der das Unternehmen von einem Hersteller von Stanzmaschinen zu einem Laserkonzern macht.
Seit 2005 führt Nicola Leibinger-Kammüller, Tochter des 2018 gestorbenen Berthold Leibinger, das Unternehmen als Vorstandsvorsitzende. Ihr Bruder Peter Leibinger hat seit dem 1. Juli 2023 den Vorsitz des Aufsichtsrats, die Schwester Regine Leibinger, Architektin in Berlin, gehört zum Eigentümerkreis. Im Vorstand sitzt mit Mathias Kammüller, dem Ehemann der Vorstandschefin, ein zweites Familienmitglied als Chief Digital Officer, dazu Lars Grünert als Finanzvorstand, Oliver Maassen für Personal, Stephan Mayer für Werkzeugmaschinen, Berthold Schmidt als Technikvorstand und Hagen Zimer für Lasertechnik. Trumpf ist eine SE + Co. KG, das Unternehmen veröffentlicht keine Quartalszahlen, aber jedes Jahr im Oktober eine ausführliche Bilanz.
Vier Geschäfte, ein Zyklus
Das Geschäftsmodell ruht auf vier Feldern. Das größte sind Werkzeugmaschinen für die Blechbearbeitung, also Anlagen zum Schneiden, Stanzen, Biegen und Schweißen, die bei Zulieferern, Landmaschinenherstellern oder Lüftungsbauern stehen. Das zweite Feld sind Industrielaser, die Trumpf sowohl in eigene Maschinen einbaut als auch an andere Maschinenbauer verkauft. Drittens Elektronik, etwa Hochfrequenzgeneratoren für die Halbleiterfertigung. Und viertens die EUV-Laserquellen, die Trumpf für die Lithografiesysteme von ASML liefert, ohne die sich moderne Chips nicht belichten lassen.
Im Geschäftsjahr 2024/25, das am 30. Juni 2025 endete, brachen alle vier Felder ein. Werkzeugmaschinen fielen von 2,8 auf 2,4 Milliarden Euro, Lasertechnik von 1,4 auf 1,2 Milliarden, das Elektronikgeschäft ging um 23 Prozent auf 442 Millionen Euro zurück, das EUV-Geschäft ebenfalls um 23 Prozent auf 724 Millionen Euro. Der Umsatz sank insgesamt um 16 Prozent auf 4,3 Milliarden Euro, das Ergebnis vor Zinsen und Steuern schrumpfte von 501 Millionen auf 59 Millionen Euro, eine Marge von 1,4 Prozent. Bereinigt um Sonderposten nennt das Unternehmen 230 Millionen Euro. Was Trumpf in dem Jahr nicht zurückfuhr, waren die Ausgaben für Forschung und Entwicklung: 519 Millionen Euro, zwölf Prozent vom Umsatz, mit 3.006 Beschäftigten in diesem Bereich. Das Unternehmen meldete 366 neue Patente.
Die Zahlen für das Geschäftsjahr 2025/26, vorläufig am 22. Juli 2026 veröffentlicht, zeigen ein Ende des Rückgangs, keine Erholung. Der Umsatz liegt mit 4,34 Milliarden Euro knapp über dem Vorjahr, der Auftragseingang stieg um 7 Prozent auf 4,5 Milliarden Euro. Die Belegschaft zählte am Stichtag 16.960 Beschäftigte, davon rund 8.200 in Deutschland und etwa 5.350 in Ditzingen. Zwei Jahre zuvor waren es 19.018 gewesen. Ergebnis, Segmentzahlen und Forschungsquote für 2025/26 legt Trumpf erst zur Jahrespressekonferenz am 15. Oktober 2026 vor.
Die Krise am Stammsitz
Wie die Krise in Ditzingen aussah, lässt sich an drei Vorgängen ablesen. Im Mai 2025 kündigte Trumpf den Abbau von rund 1.000 Stellen weltweit an, das Sparziel lag bei 250 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2024/25. Am Stammsitz mit den Standorten Ditzingen, Gerlingen, Leonberg-Höfingen und Hettingen wurde für 2.750 Beschäftigte ein Tarifvertrag vereinbart, der zehn Prozent weniger Arbeitszeit und Gehalt gegen Beschäftigungssicherung tauscht. Rund 1.400 Mitarbeiter verzichteten laut Stuttgarter Zeitung im Mai 2025 auf Gehalt. Im Oktober 2025 folgte die Nachricht, dass es für das abgelaufene Jahr keine Gewinnbeteiligung für die Belegschaft gibt.
Der dritte Vorgang ist ein leeres Baufeld. An der Gerlinger Straße in Ditzingen hatte Trumpf 13.000 Quadratmeter geräumt, um dort ein sechsstöckiges Kundencenter nach Entwürfen des Büros Barkow Leibinger zu errichten, ein Projekt im hohen zweistelligen Millionenbereich. Im November 2025 verschob das Unternehmen den Bau und legte auf der Fläche einen Park für Mitarbeiter mit Photovoltaikanlage an. Die Stadt Ditzingen, deren Gewerbesteuer stark von Trumpf abhängt, beschloss für 2026 einen Nothaushalt.
Parallel dazu hat das Unternehmen sein Portfolio umgebaut. Im Juli 2025 verkaufte Trumpf sein Geschäft mit additiver Fertigung an den Investor LEO III Fund, die Sparte firmiert heute als Atlix. Am 1. Oktober 2025 erhöhte Trumpf seinen Anteil am Lagertechnik-Hersteller Stopa von 25,1 auf 74,9 Prozent, um Blechlager und Maschinen als Gesamtsystem anbieten zu können. Im September 2025 vereinbarte das Unternehmen eine Partnerschaft mit Siemens für die Fabrikautomatisierung.
Die USA überholen Deutschland
Die auffälligste Verschiebung steckt in den Regionalzahlen. Im Geschäftsjahr 2024/25 war Deutschland mit 700 Millionen Euro noch der größte Einzelmarkt, die USA folgten mit 661 Millionen, China mit 482 Millionen Euro. Ein Jahr später hat sich die Reihenfolge gedreht: Die USA legten um 16 Prozent auf 760 Millionen Euro zu, Deutschland verlor 6 Prozent auf 660 Millionen, China 7 Prozent auf 450 Millionen Euro. Zum ersten Mal in der Geschichte des Unternehmens sind die USA der stärkste Markt.
Die Smart Factory in Farmington ist deshalb kein Nebenschauplatz. Trumpf fertigt dort für den amerikanischen Markt vor Ort, ein Prinzip, das das Handelsblatt in seiner Analyse vom Juli 2026 als Grund dafür nennt, dass das US-Geschäft die Krise beendet hat. Für ein Familienunternehmen, das seinen Namen von der Stuttgarter Werkstatt und seine Identität von Ditzingen bezieht, bedeutet das eine Verschiebung der Gewichte, die sich in den Investitionsentscheidungen der nächsten Jahre zeigen wird.
"Der gestiegene Auftragseingang stimmt uns optimistisch für das laufende Geschäftsjahr, in dem wir weiteres Wachstum erwarten." (Nicola Leibinger-Kammüller, Vorstandsvorsitzende, Pressemitteilung vom 22. Juli 2026)
Was die Familie anders macht als ein Konzern
Zwei Entscheidungen der vergangenen 18 Monate zeigen, wie Trumpf als Familienunternehmen gesteuert wird. Die erste ist der Umgang mit der Forschung. In einem Jahr, in dem die Marge auf 1,4 Prozent fiel, blieben die Entwicklungsausgaben bei über einer halben Milliarde Euro. Ein börsennotierter Konzern hätte diese Position unter dem Druck der Quartalsberichte vermutlich stärker gekürzt. Die zweite ist der Tarifvertrag zur Arbeitszeitverkürzung. Trumpf hat den Stellenabbau nicht vermieden, aber am Stammsitz die Kürzung auf 2.750 Beschäftigte verteilt, statt sie allein über Kündigungen zu lösen.
Dem steht gegenüber, dass die Familie die Krise nicht abgefedert, sondern verteilt hat. Der Wegfall der Gewinnbeteiligung, der Gehaltsverzicht und das verschobene Kundencenter treffen Belegschaft und Stadt. Eine Frage, die offen bleibt, ist die Nachfolge. Nicola Leibinger-Kammüller führt das Unternehmen seit 21 Jahren, ihr Bruder sitzt dem Aufsichtsrat vor, und in den öffentlichen Quellen findet sich kein Hinweis auf einen geplanten Wechsel an der Spitze. Der Aufsichtsratswechsel von 2023 war die bislang letzte sichtbare Weichenstellung.
Was das für Unternehmer heißt
Trumpf zeigt, wie ein Familienunternehmen einen Nachfrageeinbruch von 16 Prozent aushält: Es kürzt bei Personal, Prämien und Bauten, aber nicht bei Forschung und nicht bei der Auslandsfertigung. Wer als Maschinenbauer von einem einzelnen Markt oder einem einzelnen Großkunden wie ASML abhängt, sollte die Regionalzahlen im eigenen Haus so ehrlich lesen wie Trumpf es tut. Eine Tarifvereinbarung zur Arbeitszeitverkürzung kostet Zustimmung, verteilt aber die Last und hält Wissen im Haus. Und wer ein Bauprojekt in der Krise verschiebt, sollte das früh und mit einer Nutzung der Fläche tun, statt ein Loch zu hinterlassen. Die Bilanz am 15. Oktober 2026 wird zeigen, ob der Umsatzstillstand bereits mit einer Rückkehr zur alten Marge einhergeht.
Quellen
- TRUMPF SE + Co. KG: Pressemitteilung zu den vorläufigen Zahlen des Geschäftsjahres 2025/26, 22. Juli 2026 (Tier 1).
- TRUMPF SE + Co. KG: Pressemitteilung zur Bilanz 2024/25, 22. Oktober 2025 (Tier 1).
- TRUMPF Inc.: Pressemitteilung zur Eröffnung der Smart Factory in Farmington, Connecticut, 20. Mai 2025 (Tier 1).
- TRUMPF SE + Co. KG: Pressemitteilung zur Erhöhung der Stopa-Beteiligung, 1. Oktober 2025 (Tier 1).
- TRUMPF SE + Co. KG: Vorstand, Unternehmenswebsite, abgerufen am 7. September 2026 (Tier 1).
- Handelsblatt: "Starkes US-Geschäft beendet die Trumpf-Krise", 23. Juli 2026 (Tier 3).
- Stuttgarter Zeitung: "Maschinenbauer Trumpf will rund 1000 Stellen streichen", 9. Mai 2025; "So viele Trumpf-Mitarbeiter verzichten aktuell auf Gehalt", 10. Mai 2025; "Keine Gewinnbeteiligung für die Mitarbeiter von Trumpf", 22. Oktober 2025; "Trumpf spart und legt einen Park für die Mitarbeiter an", 24. November 2025 (Tier 4).
- Wikipedia: Trumpf (Unternehmen), Historie bis 1985, abgerufen am 7. September 2026 (Tier 4).