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Reportage · Nachfolge & M&A

Trigema nach Wolfgang Grupp: Wie zwei Geschwister eine Firma übernehmen, die dem Vater persönlich gehörte

Zum 1. Januar 2024 hat Wolfgang Grupp Trigema an seine Kinder übergeben, aus dem Einzelkaufmann wurde eine KG mit Doppelspitze. Wie die Übergabe strukturiert wurde, was sich seither geändert hat und wo der Senior weiter mitredet.

Redaktion Mittelstandsreporter6 Min. Lesezeit

Trigema nach Wolfgang Grupp: Wie zwei Geschwister eine Firma übernehmen, die dem Vater persönlich gehörte
Symbolbild: Mittelstandsreporter (KI-generiert)

Am 5. Oktober 2023 löscht das Amtsgericht Stuttgart einen Eintrag, der zwölf Jahre lang zu den ungewöhnlichsten im deutschen Handelsregister gehörte: "TRIGEMA Inh. W. Grupp e.K.", ein Textilunternehmen mit rund 1.200 Beschäftigten und 127 Millionen Euro Umsatz, geführt als eingetragener Kaufmann, mit einem Inhaber, der mit seinem gesamten Privatvermögen haftete. An die Stelle tritt die Trigema W. Grupp KG. Fünf Wochen später, am 7. November 2023, teilt das Unternehmen auf seiner Website mit, dass Wolfgang Grupp sich zum 1. Januar 2024 aus dem operativen Geschäft zurückzieht und die Verantwortung an seine Tochter Bonita und seinen Sohn Wolfgang übergibt. Die Registeränderung war der eigentliche Vollzug, die Mitteilung nur die Erklärung.

Ein Schwiegersohn, ein Bruder, ein Einzelkaufmann

Trigema wurde im Oktober 1919 von den Brüdern Josef und Eugen Mayer in Burladingen gegründet, 1922 trennten sich die Brüder, Josef Mayer führte allein weiter. Nach seinem Tod 1956 übernahm sein Schwiegersohn Franz Grupp. Die Geschichte der Firma zwischen 1937 und 1945, die Beteiligung an der Arisierung der Hechinger Firma Hermann Levy, die Produktion für Wehrmacht und SA und der Einsatz von Zwangsarbeitern, hat das Unternehmen 2024 in einer Studie der Historiker Neumann und Kamp aufarbeiten lassen und auf seiner Website veröffentlicht.

1969 stieg Wolfgang Grupp mit 27 Jahren ein. Das Unternehmen setzte damals umgerechnet rund 8,7 Millionen Euro um und hatte etwa 5,1 Millionen Euro Bankschulden. 1975 war Trigema nach seinen Angaben schuldenfrei, der Umsatz lag bei 28,1 Millionen Euro. 1976 teilten Wolfgang Grupp und sein Bruder Johannes den Familienbesitz, der Bruder bekam die Kunststofffirma Plastro Mayer, Wolfgang die Textilfabrik. Am 10. Januar 2011 wandelte Grupp die Trigema GmbH & Co. KG in ein einzelkaufmännisches Unternehmen um und haftete fortan persönlich. Die drei Grundsätze, die er seither in jedem Interview wiederholte, stehen bis heute auf der Website: Produktion ausschließlich in Deutschland, seit 1969 weder Kurzarbeit noch betriebsbedingte Kündigungen, und ein garantierter Ausbildungs- oder Arbeitsplatz für die Kinder der Beschäftigten.

Das Geschäft: Nähen in Burladingen, Verkaufen im eigenen Laden

Trigema produziert vollstufig, also vom Garn über Stricken, Färben und Zuschneiden bis zur Näherei, an den drei Standorten Burladingen, Altshausen und Rangendingen. Verkauft wird zu einem großen Teil direkt: über 43 eigene "Testgeschäfte" und den Onlineshop, daneben an Firmenkunden. Das Unternehmen bildet nach eigenen Angaben jedes Jahr rund 40 Auszubildende in acht Berufen aus. Das Geschäftsmodell lebt davon, dass der Direktvertrieb die höheren Fertigungskosten am Standort Deutschland trägt: Wer in Burladingen näht, kann nicht über den Großhandel zu Preisen der Importware verkaufen, sondern muss die Handelsspanne selbst behalten. Deshalb hängt das Unternehmen stärker als ein klassischer Textilhersteller an Ladenmieten, Onlinemarketing und Markenbekanntheit, die der Senior über Jahrzehnte mit Fernsehwerbung aufgebaut hat.

Die letzten belegten Zahlen stammen aus der Zeit des Einzelkaufmanns. 2022 setzte Trigema 127,2 Millionen Euro um, die Schlussbilanz des e.K. zum 31. Dezember 2022 weist eine Bilanzsumme von 43,8 Millionen Euro und ein Eigenkapital von 31,2 Millionen Euro aus, eine Eigenkapitalquote von rund 71 Prozent. Für 2023 nannte die dpa einen Produktionsumsatz von 129,3 Millionen Euro bei rund 1.140 Beschäftigten; Wolfgang Grupp selbst sprach im Januar 2024 von 130 Millionen Euro. Für 2024 und 2025 liegen keine veröffentlichten Umsatzzahlen vor. Wolfgang Grupp jr. nannte 2025 gegenüber dem Schwarzwälder Boten "herausfordernd in jeglicher Hinsicht", Bonita Grupp sagte im selben Gespräch, die Produktionsbelegschaft sei 2025 gewachsen.

Wie die Übergabe gebaut ist

Die Struktur der Nachfolge lässt sich aus Impressum und Registerdaten ablesen. Die Trigema W. Grupp KG hat zwei Komplementäre: Wolfgang Grupp jr., Jahrgang 1991, als persönlich haftender Gesellschafter und Geschäftsführer mit Gesamtverantwortung, zuständig für Firmenkunden, Vertrieb, Logistik und IT, und die Trigema Verwaltung GmbH, deren Geschäftsführerin Bonita Grupp, Jahrgang 1989, ist. Sie verantwortet E-Commerce, Marketing und Personal. Als Kommanditistinnen sind Bonita Grupp mit einer Hafteinlage von 40.000 Euro und die Mutter Elisabeth Grupp mit 20.000 Euro eingetragen; Elisabeth Grupp hat Einzelprokura und leitet weiter die Testgeschäfte. Wolfgang Grupp sen. behält laut Registermitteilung Anteile an der GmbH. Die Kapitalanteile in Prozent, eine Familienverfassung oder die Erbregelung sind nicht öffentlich.

Die Konstruktion weicht von dem ab, was Grupp sen. jahrelang angekündigt hatte. In einem Gespräch mit der INTES Akademie 2017 sagte er, aus Sicht des Unternehmens sei es das Beste, wenn nur einem Kind die Firma gehöre. Am Ende wurde es eine Doppelspitze mit Ressortaufteilung, bei der die persönliche Haftung, das Markenzeichen des Vaters, allein beim Sohn liegt, während die Tochter über die GmbH geschützt ist. Business Insider berichtete im März 2026, Grupp habe die Entscheidung im Dezember 2023 vor der Belegschaft erläutert und dabei auch die Steuerlast als Grund für die gewählte Form genannt.

"Ab dem 01. Januar 2024 werde ich mich aus dem operativen Geschäft zurückziehen und die Verantwortung an meine Tochter und meinen Sohn übergeben." (Wolfgang Grupp sen., Inhaber, Mitteilung auf trigema.de vom 7. November 2023)

Der Senior kommt weiter ins Büro

Ganz zurückgezogen hat sich der Vater nicht. Die dpa berichtete Ende 2024, er komme täglich ins Büro und sei für die Produktionsplanung zuständig. Im Juli 2025 wurde öffentlich, dass Wolfgang Grupp nach einem Suizidversuch in eine Klinik eingewiesen wurde; er selbst schrieb der Belegschaft einen Brief, in dem er von Altersdepressionen sprach. Im September 2025 kehrte er zurück, das Handelsblatt titelte, die Kinder setzten auf seinen Rat. Für die Nachfolger heißt das: Sie führen ein Unternehmen, dessen Gründerfigur weiter im Haus ist, öffentlich präsent bleibt und in der Fertigung mitplant.

Was die Geschwister sichtbar verändert haben, liegt in der Technik. Wolfgang Grupp jr. beschrieb im Februar 2026 gegenüber der Schwäbischen Zeitung, wie die Lagerkommissionierung digitalisiert wurde, Näherinnen mit Tablets arbeiten und im Lager KI-Systeme eingesetzt werden, verbunden mit der Zusage, Beschäftigte bei Automatisierung umzuschulen statt zu entlassen. Als neues Problem nannte er die Fluktuation von Mitarbeitern nach zwei bis drei Jahren, etwas, das der Vater mit seiner Beschäftigungsgarantie kaum kannte. Im Mai 2026 zeigte das Unternehmen auf der Umwelttechnikmesse IFAT in München ein T-Shirt aus vollständig recycelter Baumwolle und suchte Partner für die Rücknahme gebrauchter Textilien. Für 2026 sind ein neues Besucherzentrum und ein neues Luftschiff geplant.

Was das für Unternehmer heißt

Der Fall Trigema zeigt, dass die Rechtsform bei der Nachfolge kein Detail ist. Wer als Einzelkaufmann haftet, kann diese Haftung nicht auf zwei Kinder verteilen, ohne die Firma umzubauen; die KG mit einem haftenden Sohn und einer GmbH-Geschäftsführerin ist die Antwort auf genau dieses Problem. Die Ressortaufteilung nach Kompetenz, hier Vertrieb und IT gegen E-Commerce und Personal, nimmt einer Doppelspitze den Konflikt um die Zuständigkeit. Wer als Senior ankündigt, im Haus zu bleiben, sollte seine Rolle so klar benennen wie Grupp die Produktionsplanung, damit Belegschaft und Nachfolger wissen, wer entscheidet. Und wer Kennzahlen jahrelang selbst verkündet hat, hinterlässt eine Lücke, wenn die Nachfolger sie nicht mehr nennen: Seit 2023 gibt es keine veröffentlichten Umsatzzahlen mehr.

Quellen

  • Trigema: "Übergabe der Firma TRIGEMA zum 01. Januar 2024", trigema.de, 7. November 2023 (Tier 1).
  • Trigema: Impressum mit Registerdaten HRA 740365 und HRB 790140; "Über uns", abgerufen am 7. September 2026 (Tier 1).
  • Handelsregister Stuttgart, HRA 420889, TRIGEMA Inh. W. Grupp e.K., Löschung 5. Oktober 2023 (Tier 2).
  • Unternehmeredition: "Bonita und Wolfgang Grupp übernehmen Trigema", 13. November 2023 (Tier 3).
  • INTES Akademie: Next-Generation-Porträt Wolfgang und Bonita Grupp, 2017 (Tier 3).
  • Business Insider Deutschland, via Yahoo Finanzen: Trigema-Nachfolge, 31. März 2026 (Tier 3).
  • Tagesspiegel: "Wolfgang Grupp macht Suizidversuch öffentlich", 17. Juli 2025 (Tier 3).
  • dpa via newstime.joyn.de: Wolfgang Grupp im Büro, 26. Dezember 2024 (Tier 4).
  • Schwäbische Zeitung: Interview Wolfgang Grupp jr., 20. Februar 2026; IFAT-Bericht, 8. Mai 2026 (Tier 4).
  • Schwarzwälder Bote: "Trigema-Chefs haben neue Pläne für 2026", 22. Dezember 2025 (Tier 4).
  • Stadt Künzelsau: Neujahrsempfang mit Wolfgang Grupp, 12. Januar 2024 (Tier 4).
  • Wikipedia: Trigema; Wolfgang Grupp (mit Einzelnachweisen aus Firmenchronik und Handelsregister), abgerufen am 7. September 2026 (Tier 4).