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Reportage · Familienunternehmen

Miele: Wie zwei Familien ihr Waschmaschinenwerk nach Polen verlagern und trotzdem in Gütersloh bleiben

5,16 Milliarden Euro Umsatz, 23.000 Beschäftigte, ein Sparprogramm über 500 Millionen Euro und die Verlagerung der Waschmaschinenmontage nach Polen: Wie die vierte Generation der Familien Miele und Zinkann den Hausgerätehersteller umbaut.

Redaktion Mittelstandsreporter6 Min. Lesezeit

Miele: Wie zwei Familien ihr Waschmaschinenwerk nach Polen verlagern und trotzdem in Gütersloh bleiben
Symbolbild: Mittelstandsreporter (KI-generiert)

In Ksawerów bei Łódź laufen rund 400.000 Waschmaschinen im Jahr vom Band, gebaut von etwa 500 Beschäftigten, in einem Werk, das Anfang 2020 mit 400 Leuten begonnen hat. Rund 900 Kilometer westlich, im Stammwerk Gütersloh, fertigen etwa 2.000 Beschäftigte Frontlader und Waschtrockner, dazu gehören ein Presswerk, eine Gießerei und eine Emaillierung. Bis 2027 will Miele die Montage der Haushaltswaschmaschinen weitgehend nach Polen verlagern. Für Gütersloh, wo das Unternehmen seit 1907 sitzt, bedeutet das den größten Umbau seit Jahrzehnten, und er wird von einer Familie beschlossen, die seit 127 Jahren dort wohnt.

Elf Leute und eine Milchzentrifuge

Miele beginnt am 1. Juli 1899 in Herzebrock mit elf Beschäftigten. Der Techniker Carl Miele und der Kaufmann Reinhard Zinkann bauen Milchzentrifugen, ein Jahr später die erste Waschmaschine, 1907 ziehen sie mit 60 Arbeitern nach Gütersloh. Die Firmengeschichte kennt Umwege, die heute kaum jemand mit der Marke verbindet: Zwischen 1912 und 1914 baute Miele Automobile, in den Dreißigern bis in die Sechziger Motorräder und Mopeds. Geblieben sind die Haushaltsgeräte, 1927 kam der Staubsauger dazu, 1929 nach Unternehmensangaben der erste elektrische Geschirrspüler Europas.

Die Eigentümerstruktur ist seit 1899 gleich: Die Familien Miele und Zinkann teilen sich das Unternehmen, heute mit rund 80 Gesellschaftern, die nach Angaben des Unternehmens alle direkte Nachkommen der Gründer sind. Geführt wird Miele in der vierten Generation. Markus Miele, Jahrgang 1968, und Reinhard Zinkann, Jahrgang 1959, sind seit 2004 die geschäftsführenden Gesellschafter, nachdem Rudolf Miele gestorben war. Neben ihnen sitzen vier familienfremde Manager gleichberechtigt in der Geschäftsleitung: Axel Kniehl für Marketing und Vertrieb, Stefan Breit für Technik, Stefan Koss für Finanzen, der zum 1. Januar 2025 von der BSH kam, und Rebecca Steinhage für Personal.

Zwei Säulen, 19 Werke

Das Geschäft ruht auf zwei Säulen. Domestic ist das Hausgerätegeschäft mit Waschmaschinen, Geschirrspülern, Staubsaugern und Einbauküchen im oberen Preissegment. Professional liefert Wäschereitechnik, Laborspüler und Aufbereitungsgeräte für Kliniken und Praxen. Dieser Bereich trägt nach Unternehmensangaben inzwischen mehr als eine Milliarde Euro zum Umsatz bei, 2023 waren es 819 Millionen Euro. Im Juni 2024 hat Miele sein Medizintechnikgeschäft mit dem italienischen Hersteller Steelco zum Gemeinschaftsunternehmen SteelcoBelimed zusammengelegt.

Produziert wird an 19 Standorten, verkauft über 49 eigene Vertriebs- und Servicegesellschaften. Das jüngste Werk steht in Opelika, Alabama, wo Ende 2024 nach der Planung von Dezember 2023 die Fertigung großer Herde und Backöfen mit 150 Beschäftigten beginnen sollte. Die Vereinigten Staaten sind nach Deutschland der zweitwichtigste Markt. Wie hoch der Auslandsanteil insgesamt ist, veröffentlicht Miele nicht; der letzte bekannte Deutschland-Umsatz lag 2023 bei 1,47 Milliarden Euro, das wären bei 4,96 Milliarden Euro Gesamtumsatz rund 70 Prozent im Ausland.

Die Zahlen: Erholung ohne Ergebnis

2023 war das Jahr, das die Verlagerung ausgelöst hat. Der Umsatz fiel um 9 Prozent auf 4,96 Milliarden Euro, nachdem die Nachfrage nach Haushaltsgeräten, die in der Pandemie stark gestiegen war, eingebrochen war. 2024 legte Miele um 1,7 Prozent auf 5,04 Milliarden Euro zu, 2025 um 2,3 Prozent auf 5,16 Milliarden Euro. Die Belegschaft ging 2025 um 2,4 Prozent auf rund 23.000 zurück. Ein Ergebnis nennt das Unternehmen nicht, das hat es nie getan. Für das erste Halbjahr 2026 sprach die Geschäftsführung in der Welt am Sonntag von einer positiven Entwicklung, ohne eine Zahl zu nennen. Die österreichische Tochter, für die eigene Zahlen vorliegen, setzte 2025 mit rund 700 Beschäftigten 276,8 Millionen Euro um, 1,2 Prozent weniger als im Vorjahr.

Was Miele stattdessen offenlegt, ist das Sparprogramm. Das "Miele Performance Program" hat nach Unternehmensangaben ein Einsparvolumen von 500 Millionen Euro erreicht, davon mehr als 120 Millionen Euro bei den Personalkosten, verteilt auf rund 3.300 Einzelmaßnahmen. Betriebsbedingte Kündigungen gab es in Deutschland nicht. Parallel investierte das Unternehmen 2024 und 2025 zusammen 468 Millionen Euro, davon rund 300 Millionen in Deutschland, bis 2028 sollen es 500 Millionen Euro allein für die deutschen Standorte werden. Bis dahin will Miele 60 Prozent seines Produktportfolios erneuern und gibt seit 2025 auf Motorbauteile 25 Jahre Garantie.

"Wir blicken auf das Jahr 2026 verhalten optimistisch und rechnen mit einer moderat positiven Umsatzentwicklung, allerdings weiterhin unter hohem Wettbewerbsdruck." (Markus Miele, geschäftsführender Gesellschafter, Pressemitteilung zum Geschäftsjahr 2025, 2. März 2026)

Der Tarifvertrag als Preis für Polen

Im Februar 2024 wurde bekannt, dass Miele die Waschmaschinenmontage nach Ksawerów verlagern und in Gütersloh rund 700 Stellen streichen will. Der Protest der Belegschaft und der IG Metall zog sich über vier Monate. Am 10. Juni 2024 stand die Einigung: Miele baut in Deutschland 1.300 Stellen ab, verlagert die Montage bis 2027 und sichert im Gegenzug die deutschen Standorte bis zum 31. Dezember 2028 zu. Der Tarifvertrag läuft vom 1. August 2024 bis Ende 2028. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende in Gütersloh, Carsten Sieweke, erklärte am Tag der Einigung, er sei "nach wie vor entsetzt", dass Miele an den Verlagerungsplänen festhalte.

Der Vorgang zeigt die Grenze dessen, was Familienbesitz an einem Standort garantiert. Miele hat die Gießerei, die Elektronikfertigung mit rund 750 Beschäftigten und das "Kompetenzzentrum Wäschepflege" in Gütersloh behalten, die Montage aber dorthin verlegt, wo die Lohnkosten niedriger sind. Die Familie hat dafür einen befristeten Bestandsschutz gegeben, keinen unbefristeten. Wer im Familienunternehmen automatisch die Standorttreue eines Patriarchen erwartet, findet bei Miele eine Geschäftsleitung, die den Umbau mit Tarifverträgen abfedert, aber nicht abbläst.

Was in der vierten Generation offen bleibt

Markus Miele und Reinhard Zinkann führen seit 22 Jahren gemeinsam. Der Übergang von der dritten zur vierten Generation verlief 2004 unter dem Druck eines Todesfalls, nicht als geplanter Prozess. Wie die fünfte Generation ins Unternehmen kommt, ob und wann, ist in den öffentlichen Quellen nicht belegt. Belegt ist, dass die Geschäftsleitung inzwischen zu zwei Dritteln aus familienfremden Managern besteht und dass die beiden Gesellschafter mit Finanzen und Personal zwei Ressorts neu besetzt haben, die im Sparprogramm die meiste Arbeit tragen.

Eine zweite offene Frage sind die Vereinigten Staaten. Miele hat seit Ende 2024 ein Werk in Alabama, und im Interview mit der Welt am Sonntag Ende August 2026 sprach die Unternehmensführung über die Möglichkeit eines zweiten US-Werks für Waschmaschinen und Geschirrspüler, nachdem die US-Zölle zu einem großen Teil über höhere Preise weitergegeben wurden. Sollte das kommen, wäre es die zweite Verlagerung von Waschmaschinenkapazität binnen weniger Jahre, diesmal nicht aus Kostengründen, sondern wegen Zöllen.

Was das für Unternehmer heißt

Miele belegt, dass ein Familienunternehmen mit 80 Gesellschaftern schnelle und unpopuläre Entscheidungen treffen kann, wenn die Führung auf zwei Personen und vier Manager konzentriert ist. Wer ein Werk verlagert, sollte den Bestandsschutz für den Rest des Standorts von Anfang an mit anbieten, so wie Miele die Zusage bis 2028 mit der Verlagerung verknüpft hat, statt sie nach Monaten Streit nachzureichen. Ein Sparprogramm, das in Einzelmaßnahmen zerlegt und mit einer Zahl versehen ist, lässt sich intern besser vermitteln als ein pauschales Ziel. Und wer wie Miele kein Ergebnis veröffentlicht, sollte wenigstens die Investitionen offenlegen, damit Belegschaft und Öffentlichkeit erkennen, wohin das gesparte Geld fließt.

Quellen

  • Miele & Cie. KG: Pressemitteilung zum Geschäftsjahr 2025, 2. März 2026, Spiegelung auf presseportal.de (Tier 1).
  • Miele & Cie. KG: Pressemitteilung zum Geschäftsjahr 2024, 26. Februar 2025, Spiegelung auf presseportal.de (Tier 1).
  • Miele & Cie. KG: Geschäftsleitung und Gesellschafter; Werk Gütersloh; Historie, Unternehmenswebsite, abgerufen am 7. September 2026 (Tier 1).
  • IG Metall: Einigung bei Miele, Standortsicherung bis 31. Dezember 2028, 10. Juni 2024 (Tier 3).
  • Neue Westfälische: Miele-Werk Ksawerów, 10. Juni 2024 (Tier 3).
  • Eurofound, Restructuring Events: Miele, 2024 (Tier 3).
  • Welt am Sonntag, Interview mit der Miele-Geschäftsführung, 29. August 2026, zitiert nach Ippen-Portalen (Tier 3 bis 4).
  • kunststoffweb.de: Miele-Werk Opelika, 21. Dezember 2023 (Tier 4).
  • Wikipedia: Miele, Historie 1912 bis 1960 und Generationenfolge, abgerufen am 7. September 2026 (Tier 4).