Katjes International: Wie ein Süßwarenhaus aus Emmerich seine Zukäufe mit einer Anleihe finanziert
200 Millionen Euro Anleihe zu 6,75 Prozent, keine Rating-Agentur, zwei Aufstockungen binnen sieben Monaten: Wie die Beteiligungsholding der Katjes-Gruppe den Einstieg bei Bogner und Missoni am Kapitalmarkt finanziert hat und welche Regeln die Gläubiger dafür bekommen.
Redaktion Mittelstandsreporter7 Min. Lesezeit

Freitag, 1. August 2025: Katjes International meldet per Ad-hoc-Mitteilung, dass sie 60 Prozent der Willy Bogner GmbH übernimmt, des Münchner Skimode-Herstellers, und kündigt an, dafür möglicherweise die eigene Anleihe aufzustocken. Montag, 4. August: eine zweite Ad-hoc-Mitteilung, das Unternehmen prüft eine Erhöhung um bis zu 65 Millionen Euro. Dienstag, 5. August: 70 Millionen Euro sind platziert, bei einem Ausgabepreis deutlich über 100 Prozent, laut späterem Konzernbericht dreifach überzeichnet, allein durch eine Privatplatzierung bei institutionellen Anlegern. Zwei Handelstage haben gereicht, um ein Modehaus zu bezahlen. Für einen Süßwarenkonzern mit Sitz in Emmerich am Niederrhein, der keine Aktien ausgibt und kein Rating besitzt, ist das eine ungewöhnliche Beziehung zum Kapitalmarkt.
Die dritte Gesellschaft der Katjes-Gruppe
Katjes International ist nicht der Hersteller der Fruchtgummis. Die Katjes-Gruppe besteht aus drei rechtlich selbständigen Schwestern: Katjes Fassin mit dem deutschen Süßwarengeschäft, Katjesgreenfood mit Beteiligungen an Lebensmittel-Start-ups und Katjes International, die seit 2011 Marken in Europa kauft. Die Liste der Zukäufe reicht von Lutti in Frankreich (2011) über Dallmann's Hustenbonbons (2012), Piasten (2014) und den italienischen Süßwarenhersteller Sperlari (2017) bis zur britischen Marke Candy Kittens (2019, heute rund 88 Prozent). Das französische Geschäft brachte das Unternehmen 2018 in die Gruppe Carambar & Co. ein und hielt daran rund 23 Prozent. Dazu kamen Ausgründungen aus Konzernen: Bübchen von Galderma und Nestlé, Theramed und andere Körperpflegemarken von Henkel.
Eigentümer sind laut Konzernbericht 2025 Bastian Fassin, Kommanditist mit 90 Prozent der Haftsumme, und Tobias Bachmüller mit 10 Prozent. Bachmüller kam 1996 als familienfremder Manager vom Konzern Kraft Jacobs Suchard in die Gruppe und ist seither geschäftsführender Gesellschafter, gemeinsam mit Fassin. Finanzchef ist Stephan Milde. Die Komplementärin, die Xaver Fassin International GmbH, hält keinen Kapitalanteil.
Der Sprung 2025: Bogner rein, Carambar raus
Im Geschäftsjahr 2025 hat sich die Holding verändert. Der Umsatz stieg von 392,6 auf 503,0 Millionen Euro, das EBITDA von 44,8 auf 98,8 Millionen Euro, das Ergebnis nach Steuern von 3,2 auf 53,2 Millionen Euro. Ein großer Teil davon geht auf zwei Vorgänge zurück: Die Bogner-Beteiligung wurde am 1. September 2025 vollzogen, das Unternehmen setzt nach eigenen Angaben fast 200 Millionen Euro im Jahr um, die Familie Bogner hält die restlichen 40 Prozent. Und im vierten Quartal 2025 verkaufte Katjes International die 23 Prozent an Carambar & Co. für mehr als 80 Millionen Euro in bar, mit einem Sonderertrag von rund 20 Millionen Euro. Die Belegschaft wuchs im Jahresdurchschnitt von 1.097 auf 1.648.
2026 ging es weiter. Am 2. Februar übernahm die Holding zu 100 Prozent den britischen Snackhersteller Graze von Unilever, rund 200 Beschäftigte, ein Werk in London, finanziert aus vorhandener Liquidität und einem Akquisitionsdarlehen. Am 3. März folgte die Unterzeichnung für rund 27 Prozent am italienischen Modehaus Missoni, vollzogen am 20. Mai 2026, mit einer Kaufoption auf weitere Anteile des bisherigen Investors. Für 2026 erwartet das Unternehmen mehr als 650 Millionen Euro Umsatz bei einer EBITDA-Marge zwischen 10 und 12 Prozent.
Die Anleihe als Werkzeug
Der Lagebericht 2025 enthält einen Satz, der die Finanzierungsstrategie zusammenfasst: Katjes International nutze zur Finanzierung von Akquisitionen in der Regel das Instrument der Unternehmensanleihe. Das laufende Geschäft dagegen wird aus dem Cashflow, über Factoring und Bankdarlehen finanziert. Die Anleihe 2023/2028 ist die vierte des Unternehmens; belegt sind Vorgängerpapiere über 60 Millionen Euro zu 5,5 Prozent (2015/2020) und 110 Millionen Euro zu 4,25 Prozent (2019/2024).
Das aktuelle Papier wurde im September 2023 begeben, als Nordic Bond nach norwegischem Recht mit dem Treuhänder Nordic Trustee, Stückelung 1.000 Euro, Laufzeit bis 21. September 2028. Der Kupon lag mit 6,75 Prozent am unteren Ende der zunächst genannten Spanne von 6,25 bis 7,50 Prozent. Die Zeichnung vom 4. bis 14. September 2023 wurde vorzeitig geschlossen, das Zielvolumen von 110 auf 115 Millionen Euro erhöht; rund 30 Prozent kamen aus einem Umtauschangebot an Inhaber der alten Anleihe. Privatanleger wurden bis 5.000 Euro voll bedient, darüber zu 30 Prozent. Das Geld diente zunächst der Rückzahlung der Anleihe 2019/2024 im November 2023, der Rest für Zukäufe. Mit der Aufstockung um 70 Millionen Euro im August 2025 wuchs das Volumen auf 185 Millionen, mit weiteren 15 Millionen Euro am 3. März 2026 für Missoni auf 200 Millionen Euro. Am 7. September 2026 notierte das Papier bei 102,65 Prozent, was einer Rendite von 4,99 Prozent entspricht.
"Das Feedback der Investoren und die schnelle Platzierung spiegelt das Vertrauen in unsere Strategie und ihre konsequente Weiterentwicklung mit der Akquisition von Bogner wider." (Tobias Bachmüller, geschäftsführender Gesellschafter, Pressemitteilung vom 5. August 2025)
Was die Gläubiger bekommen
Anleihen ohne Rating leben von ihren Bedingungen. Die Emissionsbedingungen von 2023 enthalten die Regeln, an die sich die Gesellschafter gebunden haben. Neue Finanzschulden darf das Unternehmen nur aufnehmen, wenn die Nettoverschuldung unter dem 3,75-fachen EBITDA bleibt. Oberhalb dieser Grenze sind Ausschüttungen an die Gesellschafter gesperrt, mit einer Ausnahme für die Steuerlast, die bei einer Personengesellschaft auf Ebene der Gesellschafter anfällt. Es gilt eine Negativverpflichtung, also das Verbot, andere Gläubiger besser zu besichern, und eine Cross-Default-Klausel ab 7,5 Millionen Euro. Fällt der Anteil von Fassin und Bachmüller unter 50 Prozent, dürfen die Anleger ihre Papiere zu 101 Prozent zurückgeben. Das Unternehmen darf seinerseits ab 30 Monaten Laufzeit vorzeitig kündigen, anfangs mit einem Aufschlag von 50 Prozent des Kupons, der bis zum Laufzeitende abschmilzt.
Die Bilanz zum 31. Dezember 2025 zeigt, wie weit das Unternehmen von seinen Grenzen entfernt ist. Die Finanzverbindlichkeiten summieren sich auf 352,8 Millionen Euro, davon 74,7 Millionen Leasing und 72,0 Millionen Euro Bankverbindlichkeiten, darunter ein Darlehen über 24 Millionen Euro zu 5,6 Prozent und eine Kreditlinie bis 40 Millionen Euro zu 6,65 Prozent. Dem stehen 146,8 Millionen Euro liquide Mittel gegenüber, die Nettoverschuldung liegt bei 206,0 Millionen Euro nach 135,4 Millionen im Vorjahr. Das Eigenkapital beträgt 266,9 Millionen Euro, die Eigenkapitalquote ist von 36 auf 33 Prozent gesunken. Bezogen auf das EBITDA von 98,8 Millionen Euro liegt die Nettoverschuldung beim rund 2,1-fachen, bei der prognostizierten Marge von 10 bis 12 Prozent für 2026 rückt die Kennzahl näher an die Grenze, weil das Sondereffekt-Jahr 2025 wegfällt.
Die Kosten dieser Struktur
6,75 Prozent Kupon auf 200 Millionen Euro sind 13,5 Millionen Euro Zinsen im Jahr, mehr als das gesamte Ergebnis nach Steuern von 2024. Dafür bekommt das Unternehmen Geld ohne Sicherheiten, ohne Bankcovenants auf Holdingebene und ohne Einfluss der Gläubiger auf die Geschäftsführung, solange die Kennzahlen eingehalten werden. Die Aufstockung zu einem Kurs über 100 Prozent zeigt, dass der Markt 2025 bereit war, die Anleihe unterhalb des Kupons zu verzinsen. Der Preis liegt woanders: 2028 müssen 200 Millionen Euro refinanziert werden, entweder über eine fünfte Anleihe oder über den Verkauf von Beteiligungen, wie beim Carambar-Ausstieg. Der Halbjahresbericht 2026 war am 7. September auf der Unternehmenswebsite noch nicht veröffentlicht; die Bedingungen räumen dafür 75 Tage nach Halbjahresende ein.
Was das für Unternehmer heißt
Der Fall zeigt, was ein Familienunternehmen ohne Rating und ohne Börsengang am Anleihemarkt erreichen kann, wenn es die Beziehung pflegt: vier Emissionen seit 2011, ein Umtauschangebot für Altanleger, eine Privatplatzierung in zwei Tagen. Voraussetzung ist eine Struktur, die Zukäufe von Kerngeschäft trennt; die Anleihe finanziert Akquisitionen, nicht Betriebsmittel. Die Covenants sollte ein Emittent so wählen, dass er sie auch in einem Jahr ohne Sondererträge einhält, denn die Verschuldungsgrenze wird am EBITDA gemessen, nicht am Umsatz. Und wer Beteiligungen mit Fremdkapital kauft, braucht wie Katjes International beim Carambar-Verkauf auch die Bereitschaft, Beteiligungen wieder abzugeben, um die Bilanz zu entlasten.
Quellen
- Katjes International GmbH & Co. KG: Konzernbericht zum 31. Dezember 2025 (IFRS, geprüft), veröffentlicht 2. April 2026; Konzernbericht 2024, 9. April 2025 (Tier 1).
- Katjes International: Emissionsbedingungen und Prospektzusammenfassung der Anleihe 2023/2028, September 2023 (Tier 1).
- Katjes International: Ad-hoc-Mitteilungen vom 1. August 2025 (Bogner), 4. August 2025 (Anleiheerhöhung) und 3. März 2026 (Missoni) (Tier 1).
- Katjes International: Pressemitteilungen vom 14. September 2023, 27. März 2024, 1. August 2025, 5. August 2025, 1. September 2025, 1. Dezember 2025, 3. März 2026 und 2. April 2026; IR-Seite "Investoren und Anleihen" (Tier 2).
- Anleihen-Finder: Berichte vom 5. August 2025, 4. März 2026 und 20. Mai 2026 (Tier 3).
- BondGuide: Anleiheprofil WKN A30V78 mit Kursdaten vom 7. September 2026 (Tier 3).
- fixed-income.org: "Katjes International: Hohe Nachfrage nach der neuen Anleihe", 8. September 2023 (Tier 3).
- Wikipedia (de/en): Katjes International, Historie der Zukäufe (Tier 4).