Festo und die KI aus Herford: Wie ein Pneumatikhersteller Software verkauft, die Stillstände vorhersagt
2018 kaufte Festo eine Softwarefirma mit Sitz in Herford. Daraus wurde Festo AX, eine KI-Plattform für vorausschauende Wartung, die 2025 den Industrie-4.0-Award Baden-Württemberg erhielt. Was das Projekt kann, was es kostet und was das Unternehmen nicht verrät.
Redaktion Mittelstandsreporter7 Min. Lesezeit

Im April 2018 kauft Festo eine Firma, die in der Branche kaum jemand kennt: Resolto Informatik aus Herford, gegründet 2003, geführt von Tanja Krüger, mit einer Software namens Prognos, die aus Maschinendaten lernt, wie eine Anlage im gesunden Zustand klingt, und Alarm schlägt, wenn sie davon abweicht. Der Käufer ist ein Pneumatikhersteller aus Esslingen mit damals mehr als drei Milliarden Euro Umsatz, dessen Ventile, Zylinder und Antriebe in Abfüllanlagen, Autofabriken und Verpackungsmaschinen weltweit stecken. Sieben Jahre später, am 5. November 2025, überreicht die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut dem Leiter des Digitalgeschäfts, Oliver Niese, den Industrie-4.0-Award des Landes in der Kategorie Excellence. In der Begründung der Jury steht neben dem digitalen Zwilling und der digitalen Kundenreise der Name der Plattform, die aus dem Herforder Zukauf hervorgegangen ist: Festo AX.
Von der Holzbearbeitung zur Pneumatik
Festo entstand im April 1925 als "Fezer & Stoll", gegründet von Gottlieb Stoll und Albert Fezer als Hersteller von Holzbearbeitungsmaschinen. Der Wendepunkt kam 1950, als Kurt Stoll, Sohn des Gründers, die Pneumatik aus den Vereinigten Staaten mitbrachte und Druckluft als Antriebstechnik für Fabriken einführte. 1965 kam der Bereich Didactic dazu, der Ausbildungssysteme für technische Berufe verkauft und bis heute die zweite Säule des Unternehmens ist. Die Werkzeugsparte wurde 2000 als Festool abgespalten.
Das Unternehmen gehört der Familie Stoll. Im Aufsichtsrat sitzen Ulrich Stoll und Curt Michael Stoll als stellvertretende Vorsitzende, den Vorsitz hat Friedrich Eichiner. Der Vorstand ist familienfremd besetzt. Seit dem 1. Januar 2024 führt Thomas Böck, zuvor Vorstandsvorsitzender des Landmaschinenherstellers Claas, das Unternehmen; sein Vorgänger Oliver Jung hatte den Wechsel im September 2023 angekündigt. Für Informationstechnik und Digitalisierung ist im Vorstand Gerhard Borho zuständig, für Forschung und Entwicklung Ansgar Kriwet.
Das Werk, in dem die eigene Software zuerst lief
Wer verstehen will, warum ein Pneumatikhersteller KI-Software verkauft, muss in die Technologiefabrik Scharnhausen bei Ostfildern fahren. Festo hat das Werk am 24. September 2015 eröffnet, 66.000 Quadratmeter, 1.200 Beschäftigte, 70 Millionen Euro Investition. Dort werden Magnetventile in über 50 Varianten auf automatisierten Linien montiert. Die Computerwoche berichtete 2018, Festo habe in Scharnhausen den Chargenwechsel auf 13 Sekunden gesenkt und die Energiekosten durch die Überwachung von Druckluftleckagen um 30 Prozent reduziert. Als Ministerpräsident Winfried Kretschmann das Werk am 21. Januar 2022 besuchte, zeigte ihm das Unternehmen neben den Montagelinien die Resolto-Software, die dort pneumatische Spannsysteme überwacht.
Das ist der Kern des Geschäftsmodells: Festo verkauft Komponenten, die in Millionen Maschinen laufen, und kennt deshalb die Daten, die diese Komponenten im Betrieb erzeugen. Nach eigenen Angaben entstehen fünf bis zwanzig Prozent der Produktivitätsverluste in Fabriken durch den Ausfall einzelner Komponenten. Wer diese Ausfälle vorhersagen kann, verkauft nicht mehr nur das Ventil, sondern auch die Information, wann es ersetzt werden muss.
Festo AX: vom Projektgeschäft zur App
Die Plattform wurde im April 2021 als "Festo Automation Experience" vorgestellt. Die Technik folgt dem Resolto-Prinzip: Ein Modell lernt den Gutzustand einer Komponente, gleicht laufend die Maschinendaten damit ab und meldet Abweichungen. Die Software läuft nach Angaben des Unternehmens auf der Steuerungsebene, im Rechenzentrum des Kunden oder in der Cloud, bindet über Gateways auch Fremdkomponenten ein und lässt die Daten beim Kunden. Drei Anwendungsfelder nennt Festo: vorausschauende Wartung, vorausschauende Qualität und vorausschauende Energie, also das Aufspüren von Druckluftverlusten.
Im April 2024 hat Festo das Angebot in drei Linien geordnet. AX Solutions ist das Projektgeschäft, bei dem Festo-Ingenieure für einen Kunden ein Modell bauen. AX Industrial Apps sind standardisierte Anwendungen, die der Kunde selbst installiert, etwa "AX Motion Insights Pneumatic" für pneumatische Antriebe oder "AX Data Insights"; beide sind seit dem Beitritt zum Siemens Industrial Edge Ecosystem im Oktober 2023 auf dem Siemens-Marktplatz gelistet, dort als Lösung zum Festpreis. AX Smartenance ist ein Wartungsmanagement. Die erklärte Strategie ist der Weg vom Projekt zur App, weil sich Projektgeschäft nicht skalieren lässt.
Zu den Ergebnissen macht Festo Herstellerangaben, keine geprüften Zahlen. In Kundenprojekten seien Optimierungen von über 20 Prozent erreicht worden. Für ein Automobilwerk, in dem Schweißzangen überwacht wurden, nennt das Unternehmen rund 25 Prozent vermiedene Störzeiten. Die Fachzeitschrift automation.at zitierte 2025 aus Festo-Unterlagen, in "hunderten Kundenanwendungen" seien ungeplante Stillstände um 25 Prozent, Ausschuss um 20 Prozent und Leckagen um bis zu 65 Prozent gesenkt worden. Wie viele Kunden die Apps nutzen, wie viele Maschinen angebunden sind, was Festo in AX investiert hat und welchen Umsatz die Software erzielt, veröffentlicht das Unternehmen nicht. Auch Lizenz- oder Abopreise sind nicht öffentlich.
"KI ist dabei keine Zukunftsmusik, sondern unser tägliches Werkzeug. Wir integrieren smarte Lösungen in den gesamten Kundenprozess, von der Idee, über den Betrieb und Support, bis zum Recycling." (Oliver Niese, Leiter Digital Business bei Festo, Pressemitteilung zum Industrie-4.0-Award, 6. November 2025)
Die Zahlen: drei Jahre Rückgang, Forschung stabil
Das Softwaregeschäft entsteht in einer Phase, in der das Kerngeschäft schrumpft. 2023 setzte Festo 3,65 Milliarden Euro um, 2024 waren es 3,45 Milliarden, ein Minus von 5,5 Prozent, 2025 noch 3,33 Milliarden Euro, ein weiteres Minus von 3,7 Prozent. Die Belegschaft blieb in diesen Jahren bei rund 20.600, davon zuletzt etwa 8.200 in Deutschland. Ein Ergebnis veröffentlicht Festo nicht; der Industrieanzeiger berichtete für 2024 von einem positiven Ergebnis auf Vorjahresniveau. Die Forschungsquote stieg von 7,7 Prozent 2023 auf 8,8 Prozent 2024 und lag 2025 nach Unternehmensangaben über 8 Prozent, dazu kommen 1,5 Prozent des Umsatzes für Aus- und Weiterbildung.
Im April 2026 berichtete der MaschinenMarkt, Festo plane den Abbau von rund 1.300 Stellen in Deutschland und verbinde das mit einer Ausrichtung auf KI. Thomas Böck sagte zur Bilanz 2025, um die Marktposition auszubauen, müsse sich das Unternehmen dauerhaft einer neuen Realität stellen. Das stärkste Wachstum meldete Festo für 2025 aus Indien, wo ein neues Werk entsteht. Im Interview mit der Zeitschrift Produktion hatte Böck im November 2025 erklärt, Festo generiere mit KI inzwischen auch Software, unter Kontrolle des Menschen.
Festo ist damit ein Beispiel für einen Hidden Champion, der Digitalisierung nicht als Beratungsprojekt begreift, sondern als Produktlinie mit eigener Stückliste: eine gekaufte Firma, ein eigenes Werk als Testfeld, ein Partnernetz über Siemens und ein Preisschild auf einem Marktplatz. Die Lücke ist die Transparenz. Ohne Kundenzahlen und Softwareumsatz lässt sich von außen nicht beurteilen, ob AX ein Geschäft oder ein Vertriebsargument für Ventile ist.
Was das für Unternehmer heißt
Wer KI in ein Industrieunternehmen holen will, findet bei Festo ein Muster, das sich kopieren lässt: Zuerst eine kleine Firma mit fertiger Technik kaufen, dann im eigenen Werk beweisen, dass sie Kosten senkt, dann das Ergebnis als Produkt verpacken. Der Weg vom Projekt zur standardisierten App ist entscheidend, weil Projektgeschäft Ingenieure bindet und keine Marge lässt. Ein Marktplatz eines großen Partners, hier Siemens, ersetzt den eigenen Vertriebskanal für Software, den ein Mittelständler selten hat. Und wer Prozentzahlen aus Kundenprojekten nennt, sollte auch sagen, wie viele Kunden dahinterstehen; sonst bleibt der Nutzen eine Behauptung des Herstellers.
Quellen
- Festo SE & Co. KG: Pressemitteilung zum Industrie-4.0-Award Baden-Württemberg, 6. November 2025 (Tier 1).
- Festo SE & Co. KG: "Einfache KI-Lösungen für maximale Produktivität", Pressemitteilung, 19. April 2024 (Tier 1).
- Festo SE & Co. KG: "Hardwareexpertise gepaart mit Software- und KI-Kompetenz", Pressemitteilung, 12. April 2021; "Künstliche Intelligenz in Echtzeit", 25. April 2022 (Tier 1).
- Festo SE & Co. KG: Pressemitteilungen zum Vorstandswechsel (18. September 2023), zur Bilanz 2024 (28. März 2025), zum Kretschmann-Besuch in Scharnhausen (21. Januar 2022) und zum 100-jährigen Bestehen (17. Januar 2025) (Tier 1).
- Siemens AG: "Festo joins the Siemens Industrial Edge Ecosystem", Pressemitteilung, Oktober 2023; Siemens Marketplace, Produktseite "Festo AX Motion Insights Pneumatic" (Tier 2).
- MaschinenMarkt: "Festo Umsatz sinkt 2025: Strategiewechsel mit KI", 21. April 2026; smart-production.de: Bilanzbericht, 22. April 2026 (Tier 3).
- Produktion: "Investition in KI: Festo übernimmt Resolto Informatik", 24. April 2018; "Festo eröffnet Technologiefabrik Scharnhausen", 28. September 2015; Interview Thomas Böck, 12. November 2025 (Tier 3).
- Industrieanzeiger: "Festo erzielte positives Ergebnis auf Vorjahresniveau", 15. April 2025 (Tier 3).
- Computerwoche: "Festo senkt mit IoT die Energiekosten", 13. Februar 2018 (Tier 3).
- automation.at: "Wie Festo seine Kunden mit Digitalisierung erfolgreich macht", 3. April 2025 (Tier 3).